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Das Fanal am 18. August 1976:
In der DDR verbrennt sich der
Pfarrer Oskar Brüsewitz
öffentlich aus Protest gegen die Unterdrückung
der Christen im Sozialismus

Inhalt:

Gegendarstellung der Kirchenleitung

An die Redaktionen der Zeitungen "Neues Deutschland" und "Neue Zeit"

"Vierzehn Tage nach den tragischen Ereignissen in Zeitz und eine Woche nach dem Tode von Pfarrer Brüsewitz ist deutlich, auf welche Weise die Selbstverbrennung in Presse, Funk und Fernsehen aufgenommen und interpretiert wird.

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es, soweit uns bekannt ist, sachliche Berichterstattung, Polemik gegen die Deutsche Demokratische Republik und den Versuch, aus Pfarrer Brüsewitz einen politischen Märtyrer zu machen.

In den Zeitungen der Deutschen Demokratischen Republik ist Pfarrer Brüsewitz von Anfang an als ein nicht zurechnungsfähiger Mensch dargestellt worden. Wir haben dazu in unserem "Wort an die Gemeinden" vom 21.8.1976 Stellung genommen.

Die Kommentare des "Neuen Deutschland" und der "Neuen Zeit" vom 31.8.1976 zwingen uns zu einer Erwiderung. Die dort gegebene Darstellung der Person und des Lebenslaufes von Oskar Brüsewitz besteht aus Fakten, Gerüchten und freien Erfindungen.

Im Rahmen dieser Gegendarstellung gehen wir nur auf einige Dinge beispielhaft ein:

Der 1929 in Wilkischeken (Litauen) geborene Oskar Brüsewitz kam 1945 als Sechzehnjähriger nach Burgstadt/Sa. im heutigen Bezirk Karl-Marx-Stadt.

Dort lernte er vom 5.11.1945 bis 5.11.1947 in einem ordentlichen Lehrverhältnis das Schuhmacherhandwerk. In einer Zeit, da Umzüge zwischen den Besatzungszonen Deutschlands noch üblich waren, verzog die Familie mit dem noch minderjährigen Sohn nach Osnabrück. Im Juli 1951 legte er die Meisterprüfung im Schuhmacherhandwerk ab. Nach einer gescheiterten Ehe, die in der Bundesrepublik geschieden wurde, übersiedelte er in die Deutsche Demokratische Republik. Seit Januar 1954 arbeitete er zuerst in Weißenfels und dann – nach einem besuchsweisen Aufenthalt in der Bundesrepublik – vom 1.11.1955 bis 1960 als selbständiger Handwerksmeister in Markkleeberg b. Leipzig. Dort heiratete er 1955 und zog 1960 mit seiner Familie nach Weißensee, Bezirk Erfurt, wo er in seinem Beruf tätig blieb, bis er sich 1964 zur Aufnahme einer kirchlichen Ausbildung entschloß. Nach dem Abschluß dieser Ausbildung mit einer ordentlichen Prüfung wurde er 1970 als Pfarrer unserer Kirche angestellt.

Die im "Neuen Deutschland" gegebene abwertende Darstellung des Bildungsweges eines in den Wirren der Nachkriegszeit Aufgewachsenen vom Handwerker zum Gemeindepfarrer ist uns unverständlich.

Das Bild, das die Kommentare vom pfarramtlichen Dienst des Pfarrers Brüsewitz zeichnen, ist eine bösartige Karikatur. Über seine eigentliche Tätigkeit als Pfarrer wird so gut wie nichts berichtet. Statt dessen werden dem Leser nur verzerrte Darstellungen einzelner Vorkommnisse vorgesetzt.

So wird behauptet, Brüsewitz solle "bei einem Fußballspiel mit Kindern weniger angehabt haben, als eine Unterhose" (ND) bzw. "in Unterhosen Fußball gespielt" haben (ND). Wahr ist, daß er dabei zwar ohne Jacke und auch barfuß, aber sonst normal angezogen gewesen ist.

Andere der mißverständlichen Informationen resultieren daraus, daß Pfarrer Brüsewitz, um die Pfarrländereien für die Kirchengemeinde zu nutzen, zusätzlich zu seinen sonstigen kirchlichen Aufgaben landwirtschaftlich tätig war. Er war daher in der Lage, Tiere an andere zu verschenken. Zu einer Zeit, als weder Hilfskräfte noch Zugtiere zur Verfügung standen, hat er in der Tat einmal sein Feld mit Hilfe eines Kraftwagens geeggt. Frei erfunden ist dagegen die Behauptung, er habe mit seinem Trabant das Feld gepflügt. Zutreffend ist, daß er nach Erwerb eines Pferdes bei einer Fahrt in die Stadt an seinem Fuhrwerk die Losung "Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott" angebracht hatte.

Auch wenn er mit "ungewöhnlichen Aktionen" wie diesen aufgefallen ist, kann damit doch nicht das Ganze seines Dienstes beschrieben sein. Im Trauergottesdienst wurde gesagt: "Mit seinem ganzen Eifer hat er sich in den Gemeinden des Pfarrsprengels eingesetzt. Geschickt und selbst zupackend in der Fürsorge für die Bauten, mit ständig neuen Einfällen, Kinder und Jugendliche anzusprechen, mit großer persönlicher Opferbereitschaft denen nachgehend, die er in Not wußte, hat er zusammen mit seiner Familie den Dienst getan".

In den genannten Kommentaren beider Zeitungen wird der Versuch unternommen, Pfarrer Brüsewitz als Geisteskranken abzustempeln. Schon einmal, in einer Meldung des ADN vom 21.8.1976, war ähnliches behauptet worden. Man hatte sich dabei auf Äußerungen von Mitgliedern der Kirchenleitung, die angeblich in diesem Sinne gemacht worden sein sollen, berufen. Dem war die Kirchenleitung in dem "Wort an die Gemeinden" vom 21.8.1976 bereits mit dem Hinweis entgegengetreten, daß jene Äußerungen sinnentstellend wiedergegeben worden seien ("Neue Zeit" 23.8.67). Trotzdem erweckt der Kommentar ("Neue Zeit" 31.8.76) den Eindruck, als habe auch Oberkonsistorialrat Dr. Schultze Pfarrer Brüsewitz für krank erklärt. Dr. Schultze hatte vielmehr in dem dort herangezogenen Interview im "Zweiten Deutschen Fernsehen" ausdrücklich festgestellt, "daß Pfarrer Brüsewitz ganz gewiß kein Mensch mit Wahnvorstellungen gewesen" sei, und daß "er sich seine wichtigen Aktionen genau überlegt" habe.

Wir bestreiten nicht, daß von manchen Seiten die Frage gestellt worden ist, ob solche Aktionen normal seien. Die Kirchenleitung hat nach sorgfältiger Prüfung Pfarrer Brüsewitz nicht für anormal halten können. Vertreter der Kirchenleitung haben wiederholt mit ihm über seine "ungewöhnlichen Aktionen" gesprochen. Auf Grund der schwierigen Situation, die für Pfarrer Brüsewitz im Kreis Zeitz seit längerer Zeit entstanden war, hatte die Kirchenleitung Pfarrer Brüsewitz empfohlen, sich um eine neue Pfarrstelle zu bewerben. Mit einer disziplinarischen Maßnahme hatte diese Empfehlung nichts zu tun.

Die Kirchenleitung muß sich ausdrücklich dagegen verwahren, daß durch die Auswahl von halben und ganzen Sätzen, die aus dem Zusammenhang gerissen werden, der Eindruck erweckt wird, als habe sie sich von Pfarrer Brüsewitz losgesagt. Was bei dem Trauergottesdienst in Rippicha am 26.8.1976 gesagt wurde, gilt: "Wir distanzieren uns von dem Menschen und Bruder nicht". Wir entziehen uns auch nicht der Anfrage, die Pfarrer Brüsewitz mit seinem Handeln an uns stellen wollte.

Die Kirchenleitung weiß um konkrete Nöte junger Menschen und hat diese vor staatlichen Stellen immer wieder ausgesprochen. Mit ihrem Wort an die Gemeinden vom 9.3.1975 über Fragen auf dem Bildungssektor wollte sie helfen, solche Schwierigkeiten zu überwinden. Die Art und Weise, in der das Wort der Kirchenleitung an die Gemeinden vom 21.8.1976 von der "Neuen Zeit" genutzt wird, anstehende drängende Fragen zu bagatellisieren, hilft nicht weiter. Wir können es auch nicht unwidersprochen hinnehmen, wenn im "Neuen Deutschland" vom 31.8.1976 von der "Bösartigkeit bundesrepublikanischer Kirchenfürsten" gesprochen wird. Leitende Persönlichkeiten und Mitarbeiter des Evangelischen Pressedienstes sind ausdrücklich einem politischen Mißbrauch der Vorgänge in Zeitz entgegengetreten.

Gegen die beiden Kommentare im "Neuen Deutschland" und in der "Neuen Zeit" protestieren wir. Es ist beschämend, wie hier die persönliche Würde eines Menschen grob mißachtet und das Andenken eines Verstorbenen verletzt wird. Solche Praktiken stören alle Bemühungen um ein Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Kirche.

Wir erwarten, daß unsere Antwort auf die Kommentare in Ihren Zeitungen unverkürzt veröffentlicht wird.

Die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in der Kirchenprovinz Sachsen"

Diese Gegendarstellung wurde vom Neuen Deutschland und der Neuen Zeit weder beantwortet noch abgedruckt, sie konnte auch sonst nirgends in der DDR erscheinen. Nur innerkirchlich wurde sie als Vervielfältigung verbreitet.

Brief der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen

vom 11. September 1976 an die Gemeinden

"Die Selbstverbrennung unseres Bruders Pfarrer Oskar Brüsewitz hat eine tiefe Beunruhigung ausgelöst. Erklärungen, Verleumdungen, Richtigstellungen, der Ruf nach Informationen haben viele in Atem gehalten. Im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR sind die Erklärungen der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen mit Zustimmung aufgenommen worden. Sie werden den Gemeinden zugeleitet.

Wir alle sind betroffen. Aus dieser Betroffenheit werden Anfragen laut: an unsere Kirchen, ob ihnen das Zeugnis von Jesus Christus nicht unentschlossen und ängstlich ausgerichtet wird; an die Kirchenleitungen, ob sie die tatsächlichen Sorgen und Nöte der Gemeinden, Pfarrer und Mitarbeiter entschieden genug aufnehmen und vertreten; an die Pfarrer, Mitarbeiter und Gemeinden, ob sie einander tragende Gemeinschaft gewähren; an staatliche Organe, ob Glaubens- und Gewissensfreiheit, besonders für junge Menschen, wirklich Raum bekommt; an die Behandlung des Vorganges in der Öffentlichkeit, wie sie zusammenstimmt mit Wahrhaftigkeit und der Würde des Menschen.

Über Anfragen und Anklagen darf die Klage zu Gott nicht verstummen, daß ein Bruder diesen Weg ging. Wir wissen nicht, was Bruder Brüsewitz letztlich zu seiner Tat getrieben hat, aber wir haben nicht seine Richter zu sein, sondern den Weg, den er gewählt hat, in Gottes Urteil stehen zu lassen. Gewiß ist, daß er ein Zeuge unseres Herrn Jesus Christus sein wollte.

Als Lehrtext stand über dem 18. August 1976: "Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit". Die Tat von Bruder Brüsewitz und die Wirkungen, die sie auslöste, zeigen erneut die Spannungen, die durch unsere Gesellschaft gehen und die Zerreißproben, in die viele gestellt sind. Es wird sichtbar, daß wir dem Leben in unserer Gesellschaft und unserer Kirche nicht dienen, wenn wir Probleme und Widersprüche verdrängen, statt an ihrer Lösung offen mitzuarbeiten. So haben wir dafür einzutreten, daß in unserer Gesellschaft Achtung und Respekt vor der Überzeugung des anderen das Zusammenleben und die Zusammenarbeit der Menschen wirklich prägen. Dazu gehört, daß Christen und Nichtchristen sich gegenseitig ernst nehmen als Partner im Bemühen um die Bewältigung der Probleme und Aufgaben in unserer Welt.

Besonders dringlich ist, daß im einheitlichen sozialistischen Bildungssystem eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen wird und Kinder und Jugendliche ungekränkt als Christen leben können. Wir alle sind auch herausgefordert, eindeutiger und überzeugender als bisher unseren Kindern darin zur Seite zu stehen. Über die Regelung von Einzelfällen im Bildungssektor hinaus, muß auch eine grundsätzliche Klärung im ganzen erreicht werden. Das Gespräch über diese grundsätzlichen Frage, um das wir bisher vergeblich gebeten haben, streben die Kirchenleitungen weiterhin an. Wir bitten Eltern und kirchliche Mitarbeiter, auch ihre Gesprächsmöglichkeiten weiterhin zu nutzen.

Durch die Tat von Bruder Brüsewitz sind unüberhörbar Fragen laut geworden, die unter uns nicht ausgetragen worden sind.

Viele Pfarrer, Mitarbeiter und Gemeindeglieder leiden unter dem Kleinerwerden der Gemeinden, unter Gleichgültigkeit und mangeldem Mut. Die großen Verheißungen der Bibel und die kleine Schar scheinen einander zu widersprechen. Daß die Wirkungen unseres Zeugnisses so oft verborgen sind, macht uns zu schaffen. Wir wollen diese Fragen gemeinsam und vor allem voreinander ehrlich austauschen und bedenken.

Angst und Resignation trüben uns oft den Blick dafür, was wir tun können.

Wir haben immer noch nicht genügend Klarheit gefunden für das politische Zeugnis der Kirche und jedes einzelnen Christen in unserer Umwelt.

Viele empfinden einen tiefen Graben zwischen den Entscheidungen und Erklärungen der Kirchenleitungen und dem, was die Gemeinde wirklich braucht. Wir haben noch nicht gelernt, füreinander durchschaubar zu handeln und zu reden.

Wir hoffen, daß die Spannungen in unseren Kirchen, die wir jetzt durchstehen müssen, uns zu neuer Gemeinschaft untereinander führen. Wir können offen miteinander umgehen. Wir brauchen uns unserer Schwächen voreinander nicht zu schämen. Wir dürfen uns den Zusagen Gottes anvertrauen. So werden wir uns gegenseitig zu Schritten der Hoffnung ermutigen. Unser Brief möchte dazu beitragen.

Jesus Christus hat viele Möglichkeiten, uns durch sein lebendiges Wort aus Traurigkeiten und Verkrampfungen, unseren aufgebrachten Antihaltungen, unseren Lähmungen und Lustlosigkeiten herauszureißen und uns seines Lebens so gewiß zu machen, daß wir seinen Weg getrost mitgehen und sagen können: "In allen Dingen erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,... als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, als die Armen, aber die doch viele reich machen, als die nichts haben und doch alles haben." (2. Kor.6,4 und 10)."

Berlin, den 11. September 1976

Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der Deutschen Demokratischen Republik

Matthias Walden, prominenter Kommentator der "Welt am Sonntag", schrieb damals in Westdeutschland zum Fanal von Oskar Brüsewitz:

"... Vieles ist gesagt worden. Mutig, ganz aufrecht im Bekenntnis, hatte die Magdeburger Kirchenleitung Stellung genommen und Haltung bewahrt. Sogar der Rat der EKD fand in Hannover Worte, die das Bild einer kuschenden Kirche einmal nicht bestätigten...

Zwar findet der Freitod im christlichen Glauben keine Billigung. Aber Pfarrer Brüsewitz war am Ende seines Weges dort angelangt, wo er seinen Glauben verletzen mußte, um andere in ihm, den Glauben, zu retten.

Es ist ihm gelungen! Seit seinem Tode wird über die Unterdrückung des Glaubens im SED-Staat gesprochen, geschrieben, diskutiert. Die Grabesstille von Zeitz hat das Schweigen der Anpassung gebrochen. Ein Millionen-Publikum sah im Fernsehen, was es ohne diesen Flammentod nicht zu sehen bekommen hätte: Die Not der Kirche und der Gläubigen jenseits des Todesstreifens.

Der Sinn der Tat hat sich also zu erfüllen begonnen..."

Die Ereignisse nach der Selbstverbrennung

Die "zurückhaltende" Informationspolitik der Kirchenleitung in Magdeburg, vor allem aber dann der verleumderische Artikel im Neuen Deutschland und in der Neuen Zeit, erregte viele Christen.

Insbesondere Pfarrer beschwerten sich in Madgeburg und bei Manfred Stolpe im Sekretariat des Kirchenbundes. In einem Brief an Stolpe heißt es:

"Das Kernproblem scheint die Entfremdung zwischen einer etablierten kirchlichen ‘Oberschicht’ und dem ‘Fußvolk’ der kirchlichen Mitarbeiter zu sein. Hier ist man ungehalten über die vielen Auslandsreisen der Bischöfe... Besonders befremdet ist man darüber, daß unsere leitenden Brüder auch noch ihren Erholungsurlaub im westlichen Ausland verleben..."

Auch der spätere Fraktionsvorsitzende der SPD in der Volkskammer, Prof. Richard Schröder, sagte in einer mutigen Predigt am 5.9.1976 in Wiederstedt:

"Bittere Wahrheit ist Medizin... Denn wir wissen, daß in unserem Staat wohl jeder zu essen, aber manche schlaflose Nächte hat. Wir wissen, daß uns die Angst im Nacken sitzt, vor falschen Ohren ein falsches Wort zu sagen. Wir wissen, daß unsere Jugend schon früh lernt, das zu sagen, was man von ihr hören will... Wir wissen, daß uns vor lauter Schutz und Sicherheit oftmals die Luft zum freien Atmen ausgeht". Seine Predigt endet mit der Bitte "um den Mut der Wahrheit aus der Sorge um das Ganze".

Ähnlich mutig predigte der Pfarrer und spätere sächsische Innenminister Heinz Eggert in Oybin.

Auf dem Kirchentag in Halle (17. bis 19. September 1976) mahnte Bischof Krusche:

"Wir sollten aus Bruder Brüsewitz nicht einen Helden, einen Märtyrer oder einen Heiligen und erst recht nicht einen Verrückten machen. Er wollte ein Zeuge Jesu Christi sein, einer, der irren konnte wie jeder von uns."

Die jungen Pfarrkollegen Ehrhart Neubert und Erich Kranz stellten nach eigenen Nachforschungen in ihren "Thesen zur innerkirchlichen Diskussion" fest, Brüsewitz sei

"von der Kirchenleitung gedrängt (worden), die Stelle zu wechseln und meint, daß staatliche Stellen dahinterstehen, wird aufgefordert, in die BRD überzusiedeln... Hat auf Plakaten bei seiner Selbstverbrennung im Wesentlichen politisch argumentiert. Im Abschiedsbrief an seine Tochter drückt er seine Kritik an der Inkonsequenz der Kirche aus..." Brüsewitz’ Selbstverbrennung demonstriere eine "Grenze für die Manipulierbarkeit des Individuums durch die Institution", sein "Tod ist eine Mahnung zur Solidarität aller kirchlichen Mitarbeiter ... und eine Ermutigung für alle, die mit dem Einsatz ihrer ganzen Existenz in der Kirche für die Menschen arbeiten".

Der "Brief der Kirchenleitungen" an alle Gemeinden vom 11.9.1976, der am 19.9. von den Kanzeln verlesen werden sollte, führte in vielen Gemeinden zu einem öffentlichen Nachdenken.

Erich Honecker nannte ihn dagegen in einem Fernschreiben an die 1. Sekretäre der SED-Bezirksleitungen einen "Sieg der negativen Kräfte" in der Kirchenleitung und als einen "der größten konterrevolutionären Akte" gegen die DDR. Die fünf Sonntagszeitungen der Kirchen, die den Brief veröffentlichen wollten, durften nicht erscheinen – ein massives, nur selten genutzes Machtmittel des SED-Staates gegen die Kirchen.

So wurde die Tat von Oskar Brüsewitz zu einem Prüfstein der DDR-Landeskirchen, das Konzept "Kirche im Sozialismus" neu zu überdenken.

Zugleich mußte die DDR-Führung erkennen, daß der Konfrontationskurs mit der Kirche wenig erfolgsversprechend war und Widerstand, nicht nur in der DDR, sondern auch über die Medien aus dem Westen hervorrief. Die SED besann sich deshalb auf eine Politik der Schadensbegrenzung, die mit dem Gespräch zwischen Kirchenleitungen und DDR-Führung am 6. März 1978, eineinhalb Jahre nach dem Fanal von Brüsewitz, symbolträchtig demonstriert wurde.

Der Greifswalder Bischof Berger, der damals im Dienst der provinz-sächsischen Kirche stand, nennt die Selbstverbrennung von Brüsewitz rückblickend "ein dringend notwendiges und gerechtfertigtes Zeichen gegenüber einer Kirche, die sich einrichten will".



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