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Reaktionen in Westdeutschland: Das Brüsewitz-Zentrum
Die Verzweiflungstat von Pfarrer Oskar Brüsewitz hat viele Menschen im
freien Teil Deutschlands erschüttert. Was konnte man im Westen tun, um den Deutschen in der DDR zu helfen, was können wir tun, um den christlichen Brüdern und Schwestern in der DDR beizustehen?
Diese Frage bewegte auch eine Gruppe junger
Menschen beider Konfessionen aus den Reihen der PANEUROPA-JUGEND, der Jugendorganisation der ältesten europäischen Einigungsbewegung.
Bald darauf entstand die Idee, ein Zentrum zu schaffen, die die Verletzungen der Religionsfreiheit in der DDR publizieren sollte – getreu der Mahnung der EKD in ihrer Erklärung vom 28. August 1976, "der Rat versteht die Verzweiflungstat von Pfarrer Brüsewitz auch als Aufruf an uns alle, die in unserem Land (West-Deutschland) uneingeschränkt ihres Glaubens leben können".
"Die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz war ein Appell an die Kirche, ja an die gesamte westliche Öffentlichkeit, nicht weiter schweigend dem Unrecht und der Gewalt gegenüber zu verharren",
hieß es in dem Gründungsaufruf.
Binnen weniger Tage hatten 170 Persönlichkeiten aus Kirche, Wissenschaft und Politik diesen Gründungsaufruf unterschrieben, unter ihnen die Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, Gerhard Stoltenberg, Ernst Albrecht und Hans Filbinger sowie Franz Josef Strauß und der Präsident der internationalen Paneuropa-Union, Otto von Habsburg.
Doch kaum zeichnete sich der Erfolg der Initiative ab, bedrängte die Kirche in Ost und West das Koordinierungsbüro, von ihrem Vorhaben abzulassen:
Die Kirchenleitungen im Osten bemühten sich, die Existenz in der DDR als Auftrag Gottes anzunehmen. Deshalb wollte sie nicht in den Verdacht kommen, "Brückenkopf" westlicher Organisationen zu sein: "Wir sind weder Transmissionsriemen der Partei noch Plattform der Opposition".
Propst Bäumer, Stellvertreter des Bischofs in Magdeburg, schrieb folglich im Mai 1977 an Präses Immer, den Vorsitzenden des Rates der EKU im Westen:
"... darum möchten wir Sie wissen lassen, daß die beabsichtigte Gründung eines solchen Zentrums unter dem Namen von Pfarrer Brüsewitz die eigenen Bemühungen von Christen in der DDR, ihren Auftrag wahrzunehmen, ins Zwielicht bringt. Wir verwahren uns dagegen, uns in einer derartigen Weise helfen zu wollen"
Immer appellierte daraufhin am 16. Mai 1977 öffentlich an alle mittlerweile 200 Unterzeichner des Gründungsaufrufes, ihre Unterschrift zurückzunehmen. Sämtliche 15 EKD-Ratsmitglieder hatten sich von vorneherein geweigert, das Projekt zu unterstützen.
Sechs der 200 Unterzeichner ließen sich durch den Aufruf von Präses Immer bewegen, ihre Unterschrift zurückzuziehen.
Unversehens war das Brüsewitz-Zentrum, das nichts anderes beabsichtigt hatte, als die Aufforderungen der EKD vom Vorjahr sowie die für alle Deutschen verbindlichen Mahnungen des Bundesverfassungsgerichtes, das Ziel der Wiedervereinigung wachzuhalten, zu beherzigen, ins Zentrum einer hoch politischen Auseinandersetzung geraten.
Doch die Initiatoren des Brüsewitz-Zentrum waren davon überzeugt, daß gerade nach der KSZE-Schlußakte von 1975 das offene Eintreten für die Menschenrechte wichtig sei. Das Fanal von Pfarrer Brüsewitz sollte nicht ungehört verhallen.
Schließlich trat sogar eine "Initiative" gegen die Gründung des Brüsewitz-Zentrums an die Öffentlichkeit, deren Rundschreiben von der Kirchenkanzlei der EKD in Hannover verschickt wurden. Fast ein Jahr nach dem Opfertod von Oskar Brüsewitz wurde hier abermals die SED-Lüge verbreitet, aus den Abschiedsbriefen von Brüsewitz ergebe sich "...eine offensichtliche akute psychische Erkrankung des beklagenswerten Schreibers..."– und deshalb müsse man von der Gründung eines "Brüsewitz-Zentrums" absehen.
Ganz anders sahen das etwa diese anonymen Deutschen aus der DDR, die bei einem Besuch im Westen diese Zeilen an das entstehende Brüsewitz-Zentrum schickten:
Ungeachtet der Proteste wurde das "Christlich-Paneuropäische Studienwerk e.V." am 18. Juni 1977 in Bad Oeynhausen (Ostwestfalen) gegründet. Aufgabe dieses Trägervereins war es, ein "Brüsewitz-Zentrum" als Dokumentations- und Informationszentrum zu realisieren. Zum Gründungsvorstand gehörten unter anderem die Initiatoren Olaf Kappelt, Walburga von Habsburg und Bernd Posselt, Pastor Latk (der Studienkollege Brüsewitz´, der das westliche Fernsehen informiert hatte und dafür die DDR verlassen mußte) und der Bundestagsabgeordnete Peter W. Höffkes, Mitglied der Kirchenleitung der VELKD.
Bereits im Oktober 1977 nahm das Brüsewitz-Zentrum (ein "Posten im Propagandakrieg", so Bischof Krusche nach der Gründung) seine Arbeit in der westfälischen Kurstadt Bad Oeynhausen auf.
Bald profilierte sich das Brüsewitz-Zentrum durch seine jährlichen "Tage der Menschenrechte", in denen jeweils zum Jahrestag des Fanals von Zeitz in Vorträgen, Seminaren und Gottesdiensten der Probleme, Sorgen und Hoffnungen gerade der Christen hinter dem Eisernen Vorhang gedacht wurde.
Zu den ersten Referenten im Gründungsjahr zählte Prof. Dr. Schoeps von der Universität Erlangen "Religionsfreiheit und Menschenrechte in christlicher Verantwortung"), Gerhard Löwenthal ("Hilferufe von drüben – Zur Lage der Bürgerrechtsbewegung in der DDR"), Olaf von Wrangel, MdB und Mitglied der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD ("Menschenrechtsdiskussion – Einmischung in innere Angelegenheiten?").
Finanziert wurde die Arbeit des Brüsewitz-Zentrums durch Mitgliedsbeiträge und Spenden, später auch durch einen Zuschuß der Kommission der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel.
Nach dem Amtsantritt der Regierung Kohl/Genscher erhielt das Brüsewitz-Zentrum auch zunehmend Zuschüsse für seine deutschland-politischen Seminare, durch die in den letzten acht Jahren etwa 5.000 vor allem junge Menschen über die wahren Verhältnisse in der DDR informiert wurden.
Da vor allem Meinungsbildner an diesen Seminaren teilnahmen, haben diese Seminare – zu denen für die Seminarteilnehmer oft das erstmalige Erleben der "Staatsgrenze West" zählte – eine weite Ausstrahlung gehabt.
Nach dem Umzug des Brüsewitz-Zentrums von Bad Oeynhausen in den Regierungssitz Bonn 1984 wurde die publizistische Arbeit verstärkt: Eine Vierteljahreszeitschrift "Christen drüben" untersuchte Quartal für Quartal Schwerpunktthemen, von "Familie in der DDR" über die Probleme der Jugend in der DDR bis hin zur Umweltverschmutzung im realen Sozialismus. Ferner informierte ein monatlicher Informationsdienst Journalisten und Interessierte über Entwicklungen in der DDR und speziell der Kirche dort.
Große Aufmerksamkeit fanden auch die interdisziplinären Fachkongresse des Brüsewitz-Zentrums, von denen vier in Bonn im Deutschen Bundestag stattfanden.
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